Umbau und Sanierung eines Fachwerkhauses, 99752 Bleicherode, Hauptstr. 130
Bauherr: Stadt Bleicherode, Thüringen
Leistungsphase: 1-8
Bestand
Im Juni 2022 wurde unser Architekturbüro mit der Erstellung einer modernisierungsvorbereitenden Untersuchung für das Kanzleikarree beauftragt. Daraus ging hervor, auch das zum Kanzleikarree gehörende Objekt Hauptstraße 130 zeitnah denkmalgerecht zu sanieren. Im Rahmen eines weiteren Vergabeverfahrens wurde die bauhütte beauftragt, die Planung zur denkmalgerechten Sanierung und Umnutzung durchzuführen.
Das Gebäude in der Hauptstraße 130, Bleicherode ist ein zweigeschossiges Fachwerkhaus im Kanzleikarree der Bleicheröder Oberstadt. Bauhistorisch weist es zwei klar getrennte Hausteile auf.
Die dendrochronologische Untersuchung ergab, dass der westliche Hausteil aus dem Jahr 1679 stammt und damit der älteste Teil des Gebäudes ist. Hier finden sich außerordentlich stark dimensionierte Hölzer aus Eiche sowie ein Gewölbekeller, was auf eine frühere Nutzung als Lagerbau hinweist.
Der östliche Hausteil wurde laut dendrochronologischer Datierung im Jahr 1789 errichtet – ein späterer Neubau, der den ursprünglichen östlichen Vorgängerbau ersetzte.
Damit ist das Gebäude ein seltenes Beispiel für einen zweigeteilten historischen Baukörper, der sich aus zwei Epochen zusammensetzt und dessen Struktur bis heute erkennbar bleibt.
Schadensbild
Durch langen Leerstand und fehlende technische Installationen zeigte das Gebäude deutliche Schäden:
- konstruktive Schwächungen an Fachwerkhölzern (insbesondere Schwellen, Ständer, Knotenpunkte),
- fehlende Abdichtungen und Feuchteschäden im Bereich der historischen Bodenaufbauten, unebene und beschädigte Böden,
- bauphysikalische Mängel der Außenwände ohne energetische Wirkung,
- vollständig fehlende Hausanschlüsse für Wasser, Abwasser, Strom und Gas,
- veraltete bzw. nicht vorhandene technische Ausstattung
- Die Substanz ist historisch wertvoll, aber ohne grundlegende Sanierung nicht mehr nutzbar
Zielstellung
Die Sanierung verfolgt das Ziel, den historischen Bestand konstruktiv zu sichern, die baugeschichtlichen Besonderheiten beider Hausteile sichtbar zu lassen, das Gebäude als Teil des Kanzleikarrees langfristig zu erhalten und moderne, flexibel nutzbare Co-Working-Räume zu schaffen.
Ein wichtiger Bestandteil der gestalterischen Zielsetzung ist die Rückführung historischer Elemente. Dazu gehört die Wiederanbringung des historischen Schriftzugs „Leinen-, Drell- & Baumwollwaren-Fabrik“ auf der straßenseitigen Fassade. Dieser Befund wurde unterhalb des zuletzt angebrachten Oberputzes festgestellt. Der Schriftzug erinnert an die frühe gewerbliche Nutzung des Hauses und stärkt die Identität des Ensembles.
Ausführung
Die Sanierung erfolgt denkmalgerecht und umfasst unter anderem:
- Die Reparatur geschädigter Fachwerkverbindungen und Ergänzung einzelner Hölzer,
- Freilegung und Erhalt von Fachwerkzonen nach Befund,
- Neue Innendämmung aus Holzweichfaser im Lehmbett,
- Neue Holzfenster und eine Eingangstür nach historischem Vorbild,
- vollständigen Neuaufbau des Erdgeschossbodens mit Dämmung und Heizestrich,
- Aufarbeitung historischer Böden im Obergeschoss,
- moderate und funktionale Ausstattung der Innenräume für den Co-Working-Betrieb,
- Neuherstellung aller Hausanschlüsse und moderner Elektro- und Heiztechnik,
- Zurückhaltende Gestaltung des Hofbereichs mit Travertinsplitt und bepflanzten Flächen.
Zur Hauptstraße hin zeigt sich das Gebäude einheitlich mit einer durchgängig verputzten Fassade. Auf der Hofseite sind die verschiedenen Epochen und die einstige Gebäudetrennung auch an der Fassade ablesbar. Beim älteren Gebäudeteil wurde die Fachwerkfassade sichtbar gestaltet, sodass die immensen Dimensionen der genutzten Eichenbalken erkennbar sind.
Die Kombination aus historischer Substanz, wissenschaftlich gesicherter Baugeschichte und neuer Nutzung macht das Gebäude zu einem sichtbaren Baustein der Aufwertung des Kanzleikarrees.










